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Höhere Sturmfluten in der Nordsee

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.03.2017 11:28

Auf Europas Küsten kommen stürmische Zeiten zu. Eine Arbeitsgruppe des EU-Forschungszentrums JRC im italienischen Ispra hat verschiedene Modellrechnungen angestellt, wie sich bis zum Jahrhundertende Sturmfluten in Zahl und Stärke verändern werden. Danach werden vor allem die Anrainer der Nord- und Ostsee und des Schwarzen Meeres mit wesentlich mehr und wesentlich höheren Hochwassern rechnen müssen. Geringere Fluthöhen gibt es dagegen im Mittelmeer, die Atlantikküste der Iberischen Halbinsel entlang bis in die Biskaya.

Das Glameyer Stack an der Unterelbe bei schwerer Sturmflut am 9. November 2007. (Bild: Wikimedia Commons/Walter Rademacher (CC-BY-SA-2.5))Selbst wenn sich die Nationen der Welt etwas am Riemen reißen und den Treibhausgasgehalt der Atmosphäre nur auf einen halb so hohen Wert steigen lassen, wird es an den Küsten ungemütlicher. Ein heutiges Jahrhundertereignis ist dann an Nord- und Ostsee alle sieben Jahre zu erwarten, im Schwarzen Meer bleibt es sogar bei der drastischen Verschlechterung. Der Wasserstand liegt allerdings erheblich unter den Werten des Extremszenarios: um 75 Zentimeter werden die heutigen Höchststände an der Nordsee übertroffen, um 60 Zentimeter im Schwarzen Meer und um 55 Zentimeter in der Ostsee.

Der Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg wurde bei der Sturmflut von 1962 überflutet. (Bild: Wikimedia Commons/Archiv Gerhard Pietsch (CC-BY-SA-3.0))"Wenn wir keine zusätzlichen Schutzmaßnahmen ergreifen, könnten bis zu fünf Millionen Menschen von den jährlichen Überflutungen betroffen sein", erklärt JRC-Forscher Michalis Vousdoukas, der Hauptautor der Studie. Zu diesen Werten sind Vousdoukas und seine Arbeitsgruppe in einer separaten Studie aus dem Jahr 2016 gelangt - dort stellt sie allerdings den Maximalwert dar. Ihn hatte ein Überflutungsmodell errechnet, dass besonders große Gebiete untergehen sah. Ein alternatives Überflutungsmodell errechnete eine um ein Drittel geringere Überschwemmungsfläche und kam in der Folge auf nur drei Millionen Betroffene.

Das Osterschelde-Sperrwerk schützt den Süden der Niederlande vor Sturmfluten. (Bild: Wikimedia Commons/ Gerard-Dukker,Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed (CC-BY-SA-4.0))Interessant war die Aufschlüsselung der Überschwemmungsopfer nach Nationen. So liegen die größten Überschwemmungsgebiete in Großbritannien, Norwegen, Dänemark und Deutschland. Die meisten Opfer gibt es in mit 1,0 bis 1,5 Millionen Menschen in Großbritannien, doch dann kommen Frankreich und Italien mit jeweils rund 400.000 Betroffenen. In Deutschland und Dänemark sind es jeweils nur 100.000 Menschen, in Norwegen oder Dänemark werden kaum Menschen betroffen sein. In den Niederlanden, die wegen ihres zu weiten Teilen unter dem Meeresspiegel liegenden Staatsgebietes gemeinhin als Hauptbetroffener der Nordseehochwasser gehandelt werden, hatten die klimawandelbedingten Verstärkungen kaum Auswirkungen. Je nach Überflutungsmodell wurden bei unseren Nachbarn zwischen 0,4 und 72 Quadratkilometer zusätzlich unter Wasser gesetzt, Einwohner waren nahezu gar nicht betroffen. Offenbar hat das Land zwischen Dollart und Schelde in Sachen Flutschutz seine Hausaufgaben gemacht.