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Gletscherretter im Oberengadin

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.05.2017 08:37

Weltweit sind die Hochgebirgsgletscher auf dem Rückzug. In den europäischen Alpen schrumpfen die Eisströme im Rekordtempo und stellen absehbar nicht nur die Sommerskigebiete vor Probleme. Am Morteratsch-Gletscher im Schweizer Oberengadin wird in diesem Jahr eine Methode erprobt, dem Gletscher wieder zu mehr Masse zu verhelfen. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien stellten die Initiatoren das Projekt vor.

Ein Zug des Bernina-Express vor der Kulisse des Morteratsch-Gletschers(Bild: Rainer Göttlinger/CC-BY-SA-3.0)

Ein Zug des Bernina-Express vor der Kulisse des Morteratsch-Gletschers. (Bild: Rainer Göttlinger/CC-BY-3.0)

 

Aus den Panoramafenstern der Bernina-Bahn ist der Morteratsch-Gletscher bei gutem Wetter ein imposanter Anblick. Zwischen Piz Bernina auf der rechten und Piz Palü auf der linken Seite fließt der drittgrößte Gletscher der Ostalpen zwischen Pontresina und dem Berninapass bis wenige Kilometer an die Bahnlinie heran. Das macht ihn auch für Spaziergänger zu einem attraktiven Ziel. Vom kleinen Bahnhof Morteratsch geht man eine knappe Stunde auf dem gut gepflegten Lehrpfad bis zur Gletscherzunge. "Sogar mit dem Rollstuhl kann man dahin gelangen", sagt Hans Oerlemans, Meteorologieprofessor an der Universität Utrecht, der seit 20 Jahren die automatische Wetterstation der Universität auf dem Morteratsch-Gletscher betreut.

Gletscher auf dem Rückzug


Ein Lehrpfad führt im Oberengadin bis zur Zunge des Morteratsch-Gletschers. (Bild: Felix Keller) Oerlemans hat jetzt zusammen mit Felix Keller von der Academia Engiadina in Samedan, eine Studie abgeschlossen, wie man den Rückzug des Morteratsch-Gletschers durch Beschneiung im Sommer verlangsamen kann. Denn der hat wie alle Alpengletscher schon bessere Tage gesehen. Auf dem Lehrpfad zeigen Schilder, wo sich die Gletscherzunge in verschiedenen Jahren befunden hat. Kam der Eisstrom Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf 100 Meter an die Bahnstation heran, ist er inzwischen 2649 Meter zurückgewichen. Die Zahl ist so exakt bekannt, weil die ETH Zürich seit 1878 regelmäßig die Gletscherlänge vermisst. Auf der EGU-Jahrestagung stellte der niederländische Meteorologe die Berechnungen vor, nach denen das Verfahren den Gletscherschwund in ein mäßiges Wachstum verwandeln kann. Auf der dem Morteratsch benachbarten Diavolezza ist mittlerweile ein Praxistest angelaufen, ob das Verfahren auch wirklich funktioniert. Ein winziger künstlicher Gletscher wird beschneit, wann immer sich die Gelegenheit bietet. "Das machen wir, bis die neuen Schneefälle kommen, und dann schauen wir, ob dieser Babygletscher noch da ist", so Oerlemans.

Das 20 mal 20 Meter große Gletscherchen ist im Bernina-Massiv nicht der einzige Versuch des Menschen, die Folgen seines Handelns zu begrenzen. In geringer Entfernung wird auf dem als Skigebiet genutzten Diavolezzafirn seit nunmehr sieben Jahren in jedem ausgehenden Winter Schnee zusammengeschoben und unter einer weißen Vliesdecke vor der Sommersonne verborgen. Der Sinn: Der gebunkerte Schnee dient in der folgenden Skisaison als Grundlage, auf der zunächst mit Kunst- später mit Naturschnee ein Teil der Piste aufgebaut wird. "Ich hätte nie gedacht, wie effizient das ist", erinnert sich Felix Keller, von Haus aus Glaziologe, an einen sommerlichen Besuch auf der Diavolezza.

Modellrechnung zeigt: Beschneiung hilft


Der Morteratschgletscher im Oberengadin mit dem seitlich einmündenden Persgletscher. (Bild: Günter Seggebäing/CC-BY-SA-3.0)Damit nahm die Idee, es auch auf dem Morteratsch-Gletscher zu versuchen, ihren Anfang. "Ich habe das dann beim Mittagessen an der Academia Engiadina erzählt, und der Direktor hat mich ein bisschen provoziert", erzählt der gebürtige Engadiner, "er sagte, wenn ich als Gletscherforscher etwas wert wäre, dann würde ich doch den Morteratsch-Gletscher retten." Erst habe er gelacht, weil der Morteratsch mit seinen 1,5 Milliarden Tonnen Eis eine Nummer zu groß sei. Doch beim Angeln habe er sich das ganze noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Heraus kam die Studie mit Hans Oerlemans. Statt Vliesdecken sehen die beiden Wissenschaftler eine Beschneiung während des Sommers vor, die möglichst bis in den Herbst eine Schneedecke auf dem nicht mehr so ewigen Eis des Morteratsch bilden soll. "Zehn Zentimeter Dicke im Durchschnitt würden ausreichen", sagt Oerlemans und stützt sich auf Computermodelle, die er mit den Langzeitdaten seiner Wetterstation gefüttert hat. Danach sind an nur drei bis fünf Prozent der Sommertage die Bedingungen ausreichend, um überhaupt Schnee zustande zu bekommen. An diesen Tagen müsste dann Schnee auf Vorrat produziert werden, der an den anderen Tagen wieder wegschmilzt. Oerlemans: "Wenn man das effizient macht, kann man mehr Schnee produzieren, als wieder wegschmilzt, und so eine Schneeschicht über den Sommer erhalten."

Mammutaufgabe im Oberengadin


Einmündung des Pers- in den Morteratschgletscher. (Bild: Kurt Ritschard/CC-BY-SA-2.0)Es wäre ein Mammutvorhaben: Auf dem Gletscher müsste eine Fläche von rund einem Quadratkilometer beschneit werden, und das über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. "Davon würde der Gletscher etwa 50 Meter pro Jahr profitieren, also statt 30 Meter Rückzug, die wir im Moment so im Mittel haben, würde er etwa 20 Meter vorstoßen", sagt Keller. Nach 30 oder 40 Jahren hätte der Morteratsch dann etwa einen von den gut 2,5 Kilometern zurückgewonnen, die er seit dem 19. Jahrhundert einbüßte. Die genauen Kosten sind nicht kalkuliert, aber Felix Keller geht von etwa 100 Millionen Schweizer Franken aus, die über den gesamten Zeitraum anfallen. Der Löwenanteil entstünde am Anfang, weil man die notwendige Beschneiungsanlage bauen müsste. Eine konventionelle mit festen Schneelanzen kommt nicht in Frage. "Man bräuchte vielleicht 4000 davon", sagt Hans Oerlemans. Zum Vergleich: Im gesamten Oberengadin mit so berühmten Ski-Orten wie St. Moritz, Zuoz oder der Diavolezza gibt es 200 davon.

SchneelanzeGedacht wird daher eher an eine bewegliche Lösung, bei der eine Gondelbahn über die angepeilte Gletscherfläche pendelt und diese von oben beschneit. Das benötigte Wasser ist eines der größten Probleme, doch da hat die Natur Oerlemans und Keller eine Lösung an die Hand gegeben. 250 Meter oberhalb der zu beschneienden Fläche floss bis 2015 der Pers- in den Morteratschgletscher. Dann wurde die Verbindung unterbrochen, weil sich der Nebeneisstrom zu stark zurückgezogen hatte. Seither sammelt sich sein Schmelzwasser in etwa 2700 Meter Höhe. "Da wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein ziemlich großer See entstehen", erwartet Felix Keller. Der müsste allerdings mit einem Tunnel angebohrt werden, damit das Wasser auch an seinen Bestimmungsort gelangt, dafür würde das Gefälle zum Morteratsch die Energiekosten des Projekts gering halten kann. Eine in der Schweiz entwickelte Schneelanze braucht nichts als den durch solch ein Gefälle aufgebauten Druck, um das Wasser als Schnee aus den Lanzen zu pressen.

Warmer Sommer für Praxistest gewünscht


Geröll im Vorfeld des Morteratsch-Gletschers. (Bild: Felix Keller)

Geröll im Vorfeld des Morteratsch-Gletschers. (Bild: Felix Keller)

 

Die Gemeinde Pontresina, auf deren Gebiet der Gletscher liegt und die auch die Studie finanziert hat, wäre mit solchen Investitionen heillos überfordert. Daher richten sich die Blicke auf den Kanton und die Eidgenossenschaft. Beide Instanzen sind ohnehin involviert, denn noch verstößt ein solches Vorhaben gegen die Umweltgesetzgebung, die von der Eidgenossenschaft erlassen und vom Kanton ausgeführt wird. Möglicherweise können gesetzliche und finanzielle Hürden mit demselben Argument überwunden werden. "Ein solches Vorhaben ist nur dann verantwortbar, wenn im Prinzip die für die Gesellschaft wichtige Funktion des Gletschers, nämlich der Erhalt eines Süßwasserspeichers für die kommende Generationen auf dem Spiel steht", betont Felix Keller.

Tatsächlich spielen die Gletscher und Firnfelder vor allem in den regenarmen Sommern eine Rolle, wenn ihr Schmelzwasser die europäischen Bäche und Flüsse speist. Diese Funktion zu erhalten wäre möglicherweise eine Ausnahmegenehmigung wert. Doch noch ist es nicht soweit, zunächst müssen die Gletscherretter erst einmal zeigen, dass ihre Methode funktioniert. Hans Oerlemans wünscht sich daher für 2017 einen richtig warmen Sommer, der das Versuchsgletscherchen auf der Diavolezza ins Schwitzen bringt. "Wir wollen einen richtig harten Test."