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Anspruch mit Sprengwirkung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 05.05.2017 15:08

Um mehr als 100.000 Jahre früher soll nach einem Bericht amerikanischer Paläontologen in "Nature" die Anwesenheit von Menschen auf dem Doppelkontinent anzusetzen sein. Für die Besiedelungsgeschichte Amerikas, in der um wenige Tausend Jahre leidenschaftlich und jahrzehntelang gestritten wird, wäre das eine wahrhaft epochale Umwälzung.


Schlagspuren auf Mastodon-Knochen, 130.000 Jahre alt. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum/T. Deméré)

Schlagspuren auf einem Knochen des 130.000 Jahre alten Cerutti-Mastodons aus Südkalifornien. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum/Tom Deméré)

"Uns ist klar, dass dieses Ergebnis Kontroversen auslösen wird", meinte Tom Deméré, Chefpaläontologe am Naturhistorischen Museum von San Diego auf der Telefonkonferenz zu seiner "Nature"-Veröffentlichung. Seine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Die ersten Reaktionen in der Paläontologen- und Anthropologen-Szene schwankten zwischen gesunder Skepsis und blanker Ablehnung. Bislang ging die Forschung davon aus, dass anatomisch moderne Menschen während der jüngsten Kaltzeit über die damals trocken gefallene Beringstraße kamen und den bis dato unbesiedelten Kontinent erschlossen.

Archäologen der kaliforn. Straßenbaubehörde. (Bild: Nature/S.D. Natural History Museum)Die Forscher um Tom Deméré und Steven Holen vom Center for American Paleolithic Research in Hot Springs, South Dakota, präsentierten in "Nature" nun die Datierung eines vor 25 Jahren geborgenen Skeletts eines amerikanischen Elefanten, das menschliche Bearbeitungsspuren aufweisen soll, auf im Mittel 130.000 Jahre. Damals begann das Eem, die jüngste Warmzeit vor der gegenwärtigen. Bei einer Datierungsunschärfe von +/- 9400 Jahren könnte das Mastodon auch am Ende der vorhergehenden Riss-Kaltzeit oder zum Ende der Eem-Warmzeit getötet worden sein. In keinem Fall dürften daran anatomisch moderne Menschen beteiligt gewesen sein, denn die waren zu dieser Zeit nach allen bisherigen Erkenntnissen noch nicht über die Grenzen Afrikas hinausgelangt. "Wer also waren diese Menschen? Zu welcher Art gehörten sie", fragt sich Tom Deméré.

Keine direkten menschlichen Spuren gefunden

 

Ausgrabung 1992: Paläontologe Don Swanson deutet auf einen Stoßzahn. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum)

Ausgrabung in Südkalifornien, 1992: Paläontologe Don Swanson deutet auf einen Stoßzahn. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum)

Dabei haben die Paläontologen, die 1992 zur Verlängerung der Staatsstraße 54 südlich von San Diego gerufen wurden, dort gar keine menschlichen Überreste gefunden. Sie gruben unter der Leitung von Frank Cerutti und Tom Deméré Knochen eines jungen Mastodonbullen und mehrere ungewöhnlich große Steine aus, die zwischen vier und 14,5 Kilo wogen und zum Teil abgesplittert waren. "Das Sediment, in dem wir alles fanden, wies auf einen ruhig fließenden Fluss hin. Wie die Steine mit dem Wasser dorthin gelangt sein könnten, wissen wir nicht", erklärte Deméré in der Telefonkonferenz. Auch für die Bearbeitungsspuren an den stabilen Röhrenknochen des jungen Mastodonbullen gibt es nach Angaben der Forscher nur die Erklärung, dass Menschen sie verursacht haben. Die großen Knochen waren zerschlagen, während kleinere wie die Rippen unversehrt geblieben waren.

Knochen des Mastodons. (Bild: Nature/Univ. of Michigan/Fisher/Roundtree)Schon vor 25 Jahren waren Deméré und seine Kollegen daher davon ausgegangen, dass das Mastodon von Menschen zumindest zerlegt worden war, die dann auch die Knochen aufgebrochen hatten, um das Mark herauszuholen. Da alle Datierungsversuche mangels brauchbarem Material scheiterten, verschwand das Cerutti-Mastodon im Magazin des Museums, denn derartige Schlachtszenen hatte man an der amerikanischen Westküste genug entdeckt. Deméré ließ der Fund dennoch keine Ruhe, daher bat er schließlich den Datierungsspezialisten James Paces vom Geologischen Dienst der USA (USGS) um Hilfe. Der versuchte die Knochen mit Hilfe der Uran-Zerfallsreihen zu datieren.

Knochen enthalten zwar praktisch kein Uran, nehmen das Schwermetall aber auf, wenn sie auf uranhaltigem Sediment abgelagert werden. Paces konnte daher zumindest den Ablagezeitpunkt des Mastodon-Skeletts bestimmen und der brachte dem harmlosen Autobahnfund von 1992 ungewöhnliche Brisanz. Statt der erwarteten 15.000 Jahre wies die Datierung nämlich ein Alter von rund 130.000 Jahren +/- 9400 Jahre aus.

Einwanderer kamen aus dem Nichts

Unbeschädigte Rippen und Wirbel des Mastodons. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum)Das Zeitfenster einer Einwanderung von Menschen im Zeitraum von vor 140.000 bis 120.000 Jahre umfasst sich drastisch verändernde Umweltbedingungen. Am Beginn herrschten noch die Gletscher der Riss-Kaltzeit, sodass die Beringstraße vermutlich trocken gefallen war und - ähnlich wie im bisherigen Bild der Besiedlung Amerikas - eine bequeme Landbrücke bildete. Schon 10.000 Jahre später ging diese Brücke in den Fluten unter. Während der Eem-Warmzeit war die Wasserstraße zwischen Sibirien und Alaska wesentlich breiter als heutzutage. Auch wenn es von der griechischen Insel Kreta Belege gibt, dass Menschen zu dieser Zeit bereits mit Flößen über das Meer setzen konnten, bleibt ein Problem bestehen: "Es gibt nicht den Hauch von irgendwelchen Funden ähnlichen Alters in Nordost-Asien", sagte Robin Dennell von der Universität Exeter gegenüber dem "Scientific American".

Will sagen, die Menschen, die das Cerutti-Mastodon getötet haben sollen, kamen aus dem absoluten Nichts. Und nach derzeitigem Stand der Forschung verschwanden sie auch wieder darin, denn die nächsten menschlichen Zeugnisse auf dem amerikanischen Doppelkontinent sind rund 15.000 Jahre alt. "Man sollte also erklären können, warum es 115.000 Jahre lang keine menschlichen Spuren gegeben hat",  meint  Jon Erlandson von der Universität Oregon in derselben Publikation.

Köpfe der beiden Oberschenkelknochen, die man in Südkalifornien gefunden hat. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum)

Köpfe der Oberschenkelknochen, die man an der Fundstelle des Cerutti-Mastodons in Südkalifornien gefunden hat. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum)

Kein Wunder also, dass die Fachwelt die Veröffentlichung der südkalifornischen Paläontologen mit Argus-Augen analysiert. "Außerordentliche Thesen verlangen auch außerordentliche Nachweise", fordert etwa Chris Stringer vom Londoner Naturkundemuseum, einer der besten Fachleute in Sachen steinzeitlicher Menschen. Und da setzt bei vielen Experten die Kritik ein. Die Datierung von James Paces besteht die scharfe Prüfung durch die Kollegen zwar noch. "Sie scheint mir stimmig zu sein", urteilt etwa der Geochronologe Rainer Grün, Professor an der Australian National University in Canberra, gegenüber dem "Scientific American".

 

Skeptische Fachkollegen

Oberschenkelknochen des Mastodons. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum)Doch hinter der Beteiligung von Menschen am Ende des Mastodon und der Behandlung der Knochen setzen viele Experten schon mehr Fragezeichen: "Ich bin skeptisch, dass tatsächlich Menschen bei dem Mastodon am Werk waren", sagt etwa Michael Waters von der Texas A&M University der BBC, der selbst nach den frühesten Menschen im Süden der USA  gräbt. Er verlange unmißverständliche Steinwerkzeuge, um eine derart ehrgeizige Hypothese zu untermauern. "Es gibt aber keine unmissverständlichen Werkzeugfunde an dieser Fundstätte." Unzufrieden mit den Belegen der Kalifornier ist auch David Meltzer, Archäologe an der Southern Methodist University in Dallas, ein weiterer Spezialist in Sachen menschlicher Besiedlungsgeschichte in Amerika. "Man kann eine solche These nicht mit ein paar zerbrochenen Knochen und kaum aussagekräftigen Steinen belegen, zumindest nicht ohne vorher demonstriert zu haben, dass diese Spuren nicht doch durch die Natur hätten verursacht werden können."

Auch wenn aus dem pleistozänen Amerika keine Raubtiere bekannt sind, die die massiven Oberschenkelknochen eines Mastodons knacken können, gibt es doch andere natürliche Prozesse. Dass die Paläontologen um Tom Deméré beispielsweise Erdrutsche oder reißende Strömungen mit dem Hinweis auf die Struktur des endgültigen Ablagerungsortes verwarfen, ist vielen Archäologen zu schwach.

Stein von der Mastodon-Fundstelle: Laut Paläontologen ein Hammerstein. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum/T. Deméré)

Ein Stein von der Fundstelle des 130.000 Jahre alten Mastodons, den die Paläontologen als Hammerstein ansehen. (Bild: Nature/San Diego Natural History Museum/Tom Deméré)

"Insgesamt scheinen mir mehr Indizien gegen als für diese These zu sprechen", fasst Tom Dillehay, Archäologe an der Vanderbilt University in Nashville zusammen. Dillehay dürfte seine Worte sorgsam gewählt haben, hat er doch Erfahrung mit aufsehenerregenden Thesen. 1975 provozierte er selbst das Establishment der präkolumbianischen Archäologie, indem er den frühesten Nachweis menschlicher Besiedlung in den Süden Chiles verlegte und auf ein Alter 14.500 Jahre datierte. Der Kampf um die Gültigkeit der Funde in Monte Verde dauerte fast drei Jahrzehnte.